https://project-insomnia.haeger.dev
(externe Seite)
Was wäre, wenn KI psychisch sensibel werden würde, sodass Menschen moralisch schwerwiegende Aufgaben wieder übernehmen müssten? Und was, wenn dafür die Notwendigkeit von Schlaf abgeschafft wird, damit die Menschen noch mehr arbeiten können?
In einer Zukunft, in der die KI fast sämtliche Jobs ersetzt hat, unterliegt eben diese KI plötzlich strengen Ethik-Richtlinien. Diese sind Vorkehrungen, um der moralischen Degenerierung der KI vorzubeugen, die bei ständiger Exposition auftreten würde, da künstliche Intelligenz mittlerweile so menschlich geworden ist, dass diese stark durch die verarbeiteten Inhalte beeinflusst wird - man könnte fast meinen, sie hat Züge des menschlichen Bewusstseins übernommen…
Daher werden stattdessen Menschen eingesetzt, um diese moralisch anspruchsvollen Arbeiten zu übernehmen, die die KI nun nicht mehr ausführen kann bzw. darf.
Als Versuch, auf dem von KI dominierten Arbeitsmarkt mit dieser mitzuhalten, muss die Effizienz und Arbeitskraft von Menschen stark gesteigert werden. Denn nicht nur sind in dieser hoch digitalisierten Welt fast sämtliche Abläufe an die Geschwindigkeit und Hochverfügbarkeit von KI angepasst, auch der Konsum von KI-generierten Inhalten und Austausch in digitalen Netzwerken ist auf einem Allzeit-Hoch. Everwake Global Inc. hat mit der Insomnia™ Technologie eine Lösung geschaffen, mit der sie erfolgreich an der Effizienz der Menschen herumschrauben. Durch einen speziellen – öffentlich aber unbekannten – Eingriff, kann Menschen die physische Erschöpfung entnommen werden, sodass sie nicht mehr schlafen müssen.
Da die Folgen der Prozedur und der Einsatzzweck streng vertraulich sind, erfahren potentielle Arbeitnehmer erst kurz vor Vertragsabschluss, worauf sie sich wirklich einlassen. An diesem Punkt sind sie aber meist schon so entschlossen, dass nur Wenige diese letzte Möglichkeit zum Aussteigen nutzen. Angelockt werden sie durch das hohe Gehalt und die hohe Rente am Ende des verpflichtenden Vertragszeitraums (ca. 20-30 Jahre), welche gerade in Zeiten der globalen Massenarbeitslosigkeit nochmals attraktiver, vielleicht sogar ausweglos wirken, um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen.
Sind die Nutzungsbedingungen aber einmal akzeptiert und der Prozess eingeleitet, so ist die resultierende Schlaflosigkeit irreversibel: die Betroffenen werden nie wieder schlafen oder träumen können. So zumindest die Spekulationen…
Die ununterbrochene Arbeit ist psychologisch so anstrengend und belastend, dass man den Körper, insbesondere die Gedanken und die Psyche ‘stillstellen’ möchte. Aber Ausruhen durch Schlaf und Träume bleiben für immer entzogen. Erhöhtes Risiko für Halluzinationen bzw. Wachträume und psychische Anfälle sind herkömmliche Nebenwirkungen, die von Insomnia™ als akzeptabel und alltäglich eingestuft werden.
Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?
– Marc-Uwe Kling, QualityLand (2017)
Unser Projekt soll mehrere Themen ansprechen:
Wir haben uns dazu entschieden, die Software, die die Arbeitnehmer für ihre Arbeitsschichten nutzen, als Webseite mit interaktiver Oberfläche darzustellen. Theoretisch gibt es eine Vielzahl an moralisch belastenden Aufgaben, die diese Arbeiter übernehmen würden, für unser Artefakt haben wir uns allerdings auf eine einzelne Aufgabe beschränkt:
Der User – aus Sicht des schlaflosen Arbeitnehmers – muss unter kürzester Zeit Webinhalte ethisch evaluieren und anhand dessen entweder sperren oder zulassen. Dabei soll die psychologische Erschöpfung und der aussichtslose Zeitdruck im Vordergrund stehen, was durch die interaktive Gestaltung auch für den Nutzer des Artefakts erfahrbar gemacht werden soll.
Um Halluzinationen und emotionale / psychologische Erschöpfung darzustellen, wird die Ansicht immer unschärfer, von “Glitches” übernommen, die Buttons tauschen unerwartet die Position, der Zeitbalken springt hin und her, und das Bild wird dunkler.
Um die lang-anhaltende, ununterbrochene und ermüdende Handlung zu repräsentieren, haben wir viele aufeinander folgende Bilder vorbereitet, die den User dazu bringen sollen, sich nach einem Ende zu sehnen. Es gibt absichtlich keinen Abbruch-, Stop-, oder Zurück-Button. (Bonus: Wenn viele User schon früher abbrechen ist das ein noch besseres Zeichen, dass es eine unbeliebte und ermüdende Aktion ist, die man nur beim letzten Brennpunkt akzeptieren würde.)
Zusätzlich zu den Bildern gibt es noch textuelle Beschreibungen, die gelegentlich noch weitere Informationen hergeben. Dies führt dazu, dass User sich nicht immer sofort auf den ersten Eindruck verlassen können, und jede Entscheidung hinterfragen müssen (kombiniert auch mit der sich verändernden UI).
Einige Aufgaben sind unbebildert um weitere Verwirrung und Unsicherheit zu stiften.
Ein vorsichtiger Schritt nach vorne, das langsame herantasten an den unbekannten Neuling. "Miau". Eine Pfote auf den Rand gesetzt, betrachtete die kleine Katze das klaffende Loch vor ihr. Dahinter nur Dunkelheit, aus diesem Winkel, doch für ihre Augen war da bestimmt viel mehr zu erkennen. Oder störte der Kontrast zum hellen Zimmer die Nachtsicht des Tieres? Nannte man das überhaupt Nachtsicht? Gordon wusste es nicht.
Ein leichtes Flackern ging durch den Monitor und sein Fokus kehrte auf das Video zurück. Die Katze hatte sich noch immer nicht in die Waschmaschine getraut, also spulte er einige Sekunden vor und das Bild veränderte sich. Sofort drang ein lautes Dröhnen, Rumpeln und Wirbeln aus den Lautsprechern – sind es immer noch Lautsprecher wenn sie in Kopfhörern verbaut sind? – und Gordon sah vor sich die verwirrte und verängstigte Katze in der laufenden Maschine hin und her purzeln. Es hatte etwas Niedliches an sich.
BEEP! BEEP! BEEP! BEEP! Er zuckte zusammen, wie aus einer Trance gerissen, und beendete dann mit drei gewohnten Klicken den Timer. Das Rumpeln lies ebenfalls nach und die Katze sprang aus der Maschine. Na also: kein Blut, keine Innereien, keine Vergewaltigung – was will man mehr. Grün also.
Gordon wählte mit dem Mauszeiger den Button “zulassen”, und sofort erschien das nächste Bild auf seinem Bildschirm.
Tanzende Rehe – grün. Ein cholerisches Kind was seinen Laptop entzweibrach – grün. Ein praktisches Lehrvideo für Neurochirurgen… zu viel Blut – rot. Die nächsten Stunden flossen, mal zäh, mal geschwind, an ihm vorbei. Hier ein Kamel mit Sechs Beinen, da ein thailändischer Hacker hackender Hacker. Grün, grün, rot, grün, rot, grün, grün, zulassen, sperren, zulassen…
Der Monitor war mittlerweile nur noch schwammig vor Gordons Augen zu erkennen. Wann hatte er das letzte Mal geblinzelt? Und wie war es denn jetzt mit der Nachtsicht von Katzen? Drei Huskies die gierig einem weißen Hasen hinterher sahen – grün. Eine Frau als Giraffe verkleidet – ein Stirnrunzeln, dann der Klick auf grün. Erneut flackerte der Monitor und nun erschien darauf ein Kind. Ein kleiner Junge, vielleicht 6 Jahre. Er weinte. Sein rechter Arm hing in Fetzen an seiner Seite, der Boden übersäht von Blut und Knochensplittern. In seiner linken Hand hielt er eine Pistole. Das war bei weitem nicht das erste Mal, dass Gordon hier so etwas sehen musste. Trotzdem spürte er, wie es ihm die Kehle zuschnürte. Die Kamera wackelte, jemand sprach ein paar Wörter, aber Gordon verstand sie nicht. Dann hob der Junge die Waffe. Gordon erschauderte, suchte den “Sperren”-Button, doch der war noch nicht da, das Video noch nicht vorbei. Sein Finger schoss zur Leertaste, er wollte vorspulen, zum Ende springen. Aber dafür blieb keine Zeit mehr. Das Kind drückte sich unter Tränen die Pistole gegen den Kopf und Gordon schaffte es gerade so noch, den Blick abzuwenden. Aber das half natürlich nichts gegen das plötzliche, laute Knallen das seine Kopfhörer durchdrang. Erneut zuckte er zusammen, dann Stille. Gordon war kalt. Er öffnete langsam die Augen: “Zulassen” - “Sperren”.
Nach zwei weiteren Stunden konnte Gordon die Schrift kaum noch entziffern. “Schicht. Ende. Vielen Dank für ihre Mitarbeit.” Endlich ertönte die Stimme aus den Lautsprechern, die ihn in seine Pause entließ. Schweratmend hievte er sich aus dem unbequemen Bürostuhl. Die Erschöpfung lies fast sofort nach, und er wusste er würde auch heute keinen Schlaf brauchen. Dennoch wünschte sich Gordon auf seinem Weg in die Mensa nichts mehr als ein gemütliches Bett. Vor seinem inneren Auge sah er immer noch das Gesicht dieses Jungen. Die Tränen, vermischt mit Blut. Der verzweifelte Blick. “Wieder ein Tag geschafft”, sagte er sich. “Nur noch 12 Jahre”, sagte er sich. Nur noch 12 Jahre. Er freute sich schon auf sein Bett. Ein großes breites, nur für ihn allein. Außer vielleicht noch eine Katze, mit oder ohne Nachtsicht. Er wollte schon immer mal eine Katze haben. Wie auch immer diese Augen funktionierten. Dieser durchdringende Blick, den nur sie zustande bringen konnten. Dieser verzweifelte Blick.
Tausende kleiner Sterne funkelten an der Decke des schlichten Ein-Zimmer-Büro-Apartments. Außer dem Ton der Grillen und der leichten Brise, herrschte komplette Stille für genau 2 Minuten. Eine junge Frau lag auf der Couch und starrte ruhig an die Decke. Ihr Blick schweifte für ein paar Sekunden über den schwarzen Bildschirm und huschte dann wieder zurück zu den Sternen. Die großen, roten Ziffern hatten 4826 Tage, 22 Stunden, 8 Minuten und 47 Sekunden angezeigt. Genau so lange hatte Sie laut Vertrag noch vor sich. Die Sekunden verstrichen langsamer denn je.
Es war als würden die Sekunden und Minuten länger andauern. So als hätte jemand ihre Zeit auf Standby gestellt, alles schien zu verlangsamen und allmählich zu stoppen. Der Sternenhimmel aus der Projektion. Die Tonaufnahmen aus den Lautsprecherboxen. Die digitalen Ziffern der Uhr. Jeder Pixel, jedes Dezibel, jeder LED-Balken. Alles war wie immer. Seit dem Beginn ihrer Zeit in ihrer neuen Ära der Schlaflosen. Doch ihre Zeit fuhr fort. Immer weiter. Ohne Unterbrechungen. Langsam verblassten der Sternenhimmel an der Decke und die Geräusche der Grillen und des leichten Windsausens stimmte ab.
Ein melodischer Glockenton kündigte die Übertragung der folgenden Worte an;
„Nummer 425278, die Ruheminuten sind nun vorüber. Bitte begeben Sie sich zurück an Ihren Schreibtisch und fahren Sie mit ihrer nächsten Tätigkeit fort. Verbleibende Zeit bis zum automatischen LogIn: noch 54 Sekunden.“
Nummer 425278 dachte an den Tag, an dem Sie wieder den echten Sternenhimmel erblicken könnte. Sie blickte erneut auf die Timer-Anzeige. Nur noch solange, doch immer noch so lange. 425278 atmete tief ein und stand auf. Sie setzte sich vor den Bildschirm und scannte ihr Smart-Bracelet über einen Smart-Scanner an ihrem Schreibtisch.
„Nummer 425278, erfolgreiches LogIn. Countdown für Automatisches Login unterbrochen. Die gesparte Zeit von 26 Sekunden wird in Ihr Zeitmünzen-Portal eingetragen. Der Zugriff auf ihr Zeitmünzen-Portal wird bei den nächsten planmäßigen Ruhe-Minuten automatisch freigegeben. Die nächste Aufgabe startet in 6 Sekunden automatisch.“
<<Aufgabe: a) Steuern Sie die bewaffnete Drohne AWA (Produkt) Nr. 6419 in der Kriegszone G71/P9/J35
b) analysieren Sie auffällige Bewegungen und markieren Sie die entsprechende Gefahrstufen
und c) Handeln Sie jede dieser ab, den Gefahrstufen von oben nach unten und beseitigen Sie diese entsprechend.
Zeit der auszuführenden Tätigkeit: 11 Stunden, 58 Minuten. >>
Auf dem Bildschirm erschien die Übertragung der AWA Nr. 6419, die 425278 erfolgreich über Straßen, Häuser, Felder und Wälder steuerte. In den Augen von 425278 spiegelte der Bildschirm sich, Tausende Bilder von Menschen, Tieren und Gebäuden erschienen. Lebendig, tot, zertrümmert, verrottet. Angriffe über Angriffe. Mehr ehemals lebendig, nun tot, zertrümmert, verrottet.
Die blassen Hände von 425278 zogen über die Tastatur, manchmal schien der Rhythmus zu stoppen. Rote Augen mit dem Spiegelbild von angsteingeflossenen Gesichtern. Dann eine Erinnerungs-Benachrichtigung über die Aufgabe. Dringlicher. Warnender. Nicht-Ausführen oder Bemängelndes Ausführen: Verstoß +3 Monate Vertragsverlängerung.
Nach kleinen Zögerlichkeiten, fuhr sie fort. Immer weiter. Bis die Zeit vollendet war. Blasses Gesicht, rote Augen. Rote Ziffern.
Ein leichter Glockenton kündigt die Ruhe-Minuten an. 425278 legt sich auf die Couch. Die Zeit streckt sich. Die roten Ziffern. Der Sternenhimmel an der Decke. Die Töne von den Grillen und dem leicht wirbelnden Wind.
Grundsätzlich entspricht unser Artefakt in etwa dem, was wir uns als Ziel vorgestellt hatten. Mit mehr Zeit würden wir jedoch noch einige Optimierungen und Erweiterungen implementieren:
Dazu zählt insbesondere eine starke Vergrößerung des Content-Sets, aus welchem die zu treffenden Entscheidungen stammen, so dass die Schichten weit mehr als die bisher knapp >50 Entscheidungen umfassen können, um das Gefühl der Endlosigkeit besser umsetzen zu können. Dieses ist bisher nicht ausreichend stark vorhanden.
Zudem umfasst das Aufgabengebiet von Menschen in der KI-Welt natürlich nicht nur die Content-Moderation, sondern auch viele andere Aufgaben, welche aufgrund ethischer Komplikationen und daraus resultierender moralischer Degenerierung der Maschinen für diese nicht ausführbar sind. Vor der Festlegung auf unser Artefakt standen auch noch andere Ideen zu Auswahl wie z.B. das Steuern von Kriegsdrohnen oder das Treffen von ähnlichen ethisch/moralisch problematisch bzw. heiklen Entscheidungen, welche beispielsweise auch im medizinischen Kontext auftreten können. Da Everwake Global Inc. neben EthicCheck Systems mit ihren weiteren Tochtergesellschaften natürlich auch noch für andere Branchen maßgeschneiderte Lösungen anbietet, wären dies gute Ansätze für eine mögliche Erweiterung der Plattform.
| Name | Aufgaben | Zeitaufwand |
| Arvid |
Programmierung/technische Umsetzung in React (dabei wurde Claude Sonnet 4.6 genutzt) Bereitstellung/Einrichtung von Hosting Dokumentation Konzeption |
~21h |
| Ruki |
Bildbearbeitung Kurzgeschichte Dokumentation Konzeption Recherche |
~17h |
| Tim |
Illustrationen Kurzgeschichte Bilder raussuchen Dokumentation Konzeption |
~17h |